199 Ulvö gamla kapell

Ulvö gamla kapell

Ulvö gamla kapell
Blick in die Kapelle
Westliche Querwand mit Pforte

Die Ulvö gamla kapell (schwedisch für Alte Kapelle Ulvö) ist eine Holzkapelle in Ulvöhamn, dem Hauptort der Insel Ulvön in der schwedischen Gemeinde Örnsköldsvik. Sie wurde 1622 von Gävlefischern errichtet; bis 1894 fanden regelmäßig evangelische Gottesdienste statt. Durch Bevölkerungsschwund sank die Bedeutung der Kapelle im Laufe des 20. Jahrhunderts, sodass sie 2010 vom bis dahin zuständige Pfarrer des Kirchspiels Nätra entwidmet wurde. Die Ulvö gamla kapell ist eine von drei bemalten Kapellen der Gävlefischer und gilt als die schönste, sie wurde 1996 von der Provinzialregierung Västernorrlands als Baudenkmal geschützt.[1][2]

Geschichte

In Ulvöhamn fischten spätestens seit Anfang des 17. Jahrhunderts Gävlefischer, die in ihren Fischerdörfern Kapellen errichteten. Die 1622 errichtete Ulvö gamla kapell ist die älteste erhaltene von diesen.[3] Ursprünglich stand das Gebäude am westlichen Eingang des Ulvösundet und wurde spätestens Anfang des 18. Jahrhunderts an die heutige Position im Zentrum von Ulvöhamn versetzt. Neben der Kapelle liegt ein kleiner Friedhof, der 1745 vom Pfarrer des Kirchspiels Nätra eingeweiht wurde. Dort bestattete die Inselbevölkerung durchreisende Seefahrer, die auf Ulvön starben. Die eigenen Toten begruben sie bis 1920 in Nätra, seitdem auf einer kleinen Insel im Bysjön auf Norra Ulvön.[4]

Der Pfarrer aus Nätra kam nur einige Sonntage pro Jahr nach Ulvön, meistens leitete ein Gävlefischer oder Theologiestudent (einige von diesen verbrachten den Sommer auf Ulvön) die Versammlungen. In der Kapelle wurde jeden Sonn- und Feiertag ein Gottesdienst abgehalten, daneben gab es täglich kurze Andachten. Diese wurden im Laufe des 19. Jahrhunderts abgeschafft, eine der Folgen des Niedergangs der Fischereifahrten. Es war streng verboten an Sonntagen zu arbeiten oder Handel zu treiben; Fischer, die diese Gesetze brachen, wurden von der Gemeinde zu hohen Geldstrafen verurteilt. Während des Gottesdienstes war das Einlaufen in den Hafen verboten, ankommende Seefahrer mussten ihr Boot ein Stück vom Dorf entfernt zurücklassen und den restlichen Weg zu Fuß gehen.[5][6] Im Herbst wurde die Kapelle nach einem letzten gemeinsamen Gebet verschlossen. Als es in Ulvöhamn noch keine Schuppen gab, diente sie den Gävlefischern im Winter als Werkzeuglager.[7]

1874 infizierte sich ein Lotse an Bord eines Schiffes aus Göteborg mit den Pocken, insgesamt starben auf Ulvön 14 Personen an der Krankheit. Sie wurden gemeinsam neben der Kapelle begraben und ein kleines, noch erhaltenes, Eisenkreuz wurde zu ihren Ehren errichtet.[8] Ende des 19. Jahrhunderts verließen die letzten Gävlefischer Ulvön, und die Kapelle verfiel langsam. Die Gemeinde plante sie abzureißen und ein größeres Bauwerk zu errichten, wofür König Oskar II. im Dezember 1888 die Erlaubnis erteilte. Als der König jedoch im August 1890 die Kapelle besuchte, war er von den Malereien im Inneren beeindruckt. Für die Erhaltung des Gebäudes schenkte er der Bevölkerung Ulvöhamns 200 Kronen, danach wurden die Abrisspläne fallen gelassen. Das Landesmuseum Västernorrland kaufte die gesamte Anlage für 500 Kronen im Februar 1892 und pflegt sie seitdem. Im Herbst 1892 begann der Bau der neuen Ulvö kyrka; sie wurde im August 1894 geweiht.[9] Nachdem im 20. Jahrhundert nur noch sporadisch Gottesdienste stattgefunden hatten, wurde die Ulvö gamla kapell im April 2010 entwidmet. Seitdem können sowohl kirchliche als auch bürgerliche Hochzeiten darin stattfinden, was der Grund für die Entwidmung war.[10]

Architektur

Das rechteckige Holzgebäude ist in Blockhausweise gebaut, etwa zehn Meter lang, sieben Meter breit und mit falunroten Brettern verkleidet. An jeder Längsseite befinden sich zwei, mit Blei gefasste, Fenster, an der östlichen Querwand eines. Ein Glockenstapel aus Holz wurde 1758 errichtet. Eine kleine Kupferglocke läutete zu Gottesdiensten und wenn die Fischer zu ihren Fangplätzen fuhren. Damit alle die gleichen Chancen hatten, war es verboten, vor dem Läuten loszufahren. Vor der Kapelle stand ursprünglich ein Schandpfahl, der allerdings nie benutzt wurde. Ein Holzzaun umschließt die gesamte Anlage.[4]

Ausstattung

Sanduhren auf der Kanzel

Allgemein

An der Pforte der Kapelle hängt ein massives Schloss. Die Außenseite ist mit einer, vermutlich aus dem 15. Jahrhundert stammenden, Holzstatue geschmückt. Sie zeigt den sitzenden Gott, mit einer Weltkugel in der linken Hand und die rechte Hand zur Segnung gehoben. Zusammen mit sieben anderen Holzstatuen, die seit den 1930er Jahren im Landesmuseum Västernorrland aufbewahrt werden, gehörte sie wahrscheinlich zu einem Flügelaltar.[11] Im Inneren der Kapelle stehen mehrere Reihen einfacher Holzbänke mit einem Gang in der Mitte. Rechts vom Eingang steht ein Opferstock, dessen Inhalt an die Ärmsten des Dorfes verteilt wurde. An der östlichen Querwand der Kapelle, die gegenüber dem Eingang liegt, befindet sich eine reich verzierte Kanzel ohne Schalldeckel. Sie stammt aus dem 17. Jahrhundert und weist Renaissance-Merkmale auf. Der eckige Kanzelkorb ist mit geschnitzten Pfeilern und Pflanzen in blauer, grüner und roter Farbe verziert, zwischen den Pfeilern stehen Holzfiguren. Auf der Oberkante des Korbes steht ein Vierersatz Sanduhren. Die Fischer Ulvöhamns kauften die Kanzel 1753 vom Kirchspiel Vibyggerå, davor gab es in der Kapelle keine. An der Ostwand hängen zwei Ölgemälde aus dem 18. Jahrhundert, nördlich des Fensters Jesus am Kreuz und oberhalb des Fensters die Verheißung der Geburt Jesu an Maria. Zwei Kronleuchter aus Holz, die vermutlich im 18. Jahrhundert entstanden, sind über dem Mittelgang festgemacht. Nahe der Kanzel hängt das dreimastige Votivschiff Gustaf från Gefle, das als Vollschiff getakelt ist. Es wurde 1770 von drei Gävlefischern gestiftet, die ursprünglich vom Festland in der Nähe von Ulvön stammten. Das Schiff wurde 1945 restauriert.[12]

Malereien

Dach der Kapelle
Fischereiszene mit Jesus am Strand
Heimkehr des verlorenen Sohns

Die Wände und das Dach der Kapelle sind im Inneren komplett bemalt. Die Arbeiten wurden im Jahr 1719 von Roland Johansson Öberg ausgeführt, einem um 1675 geborenen Bauern aus Sörbyn auf Ulvön. Er hatte 1699 schon die Kapelle im Fischerdorf Barsta dekoriert. Laut Inschriften auf der Pforte predigte zur Zeit der Bemalung der Theologiestudent Nicolaus Alanger in der Kapelle, die theologischen Inhalte der Malereien stammen vermutlich von ihm.[1]

Die Malereien am Dach sind in drei Felder aufgeteilt. Die Nord- und Südhälften des Daches sind wiederum je durch einen Holzbalken unterteilt; während die unteren Felder jeweils ein eigenes Thema haben, bilden die zwei mittleren Viertel des Daches ein gemeinsames Malfeld. Die Südseite zeigt, mit Pilastern umrahmt, die zwölf Apostel. An Stelle von Judas Thaddäus ist Paulus von Tarsus dargestellt. Auf der Nordseite sind die vier Evangelisten abgebildet: Johannes mit einem Adler und einem aufgeschlagenen Buch (in dem der Vers Johannes 3,16 zu lesen ist), Lukas mit einem Stier, Markus mit einem Löwen und Matthäus mit einem Buch in der Hand und dem geflügelten Menschen neben sich. Die Dachmitte ist mit Pflanzen, einer Szene mit Booten und arbeitenden Fischern, die dabei von Jesus gesegnet werden, geschmückt.[13]

Entlang des Daches verläuft an den Wänden ein gemaltes Band aus Blättern. Darunter stehen Erläuterungen über das, was die Malereien zeigen, dazu ein biblischer Bezug. Am östlichen Ende der südlichen Längsseite sind zwei Jünger zusammen mit Jesus auf dem Weg nach Emmaus abgebildet. Auf dem Rest der Südwand und an der kompletten westlichen Querwand entlang bis zur Nordwand wird die Geschichte des verlorenen Sohnes in neun Szenen erzählt, die Darstellung verläuft im Uhrzeigersinn von Süden nach Norden. In der ersten Szene verlässt der Sohn sein Elternhaus, eingekleidet im Stil des 17. Jahrhunderts. Die zweite Szene zeigt ihn auf zwei Frauen in vornehmer Kleidung zureitend, die eine hält eine Flasche und die andere einen Becher. Das dritte Bild zeigt den verlorenen Sohn bei einem Trinkgelage mit Männern und Frauen, die ihm sein in einem Beutel verwahrtes Erbe wegnehmen. In der vierten Szene befindet sich der verlorene Sohn inmitten von Prostituierten. Ab dem fünften Bild befinden sich die Szenen an der westlichen Querwand, wo auch der Eingang liegt. Im fünften Bild kommt der Sohn mittellos zu einer Schweineherde, die er in der sechsten Szene hütet. Die siebte und achte Szene befinden sich auf der anderen Seite des Eingangs, sie sind nur fragmentarisch erhalten. Die neunte Szene befindet sich als einzige an der Nordwand, sie zeigt die Wiederaufnahme des verlorenen Sohnes ins Elternhaus. Oberhalb der Pforte ist eine Lebenstreppe mit einem Ehepaar gemalt, darunter die Inschrift „Über des Menschens Alter von einem und bis einhundert Altersjahre“[14]. Alle Bilder der westlichen Querwand wurden durch das Errichten einer (nicht mehr vorhandenen) Orgelempore in den 1870er Jahren beschädigt. An der nördlichen Längsseite sind neben der Heimkehr des verlorenen Sohnes drei Szenen mit Bezug zum Meer gemalt. Das erste Bild zeigt zwei Fischerboote mit angelnden Fischern, Jesus sitzt in ihrer Nähe am Strand und hat eine Hand zur Segnung erhoben. Oberhalb der Boote liegt im Hintergrund eine Stadt. Die zweite Szene zeigt Jona und den Wal, darunter einen Meeresgott und eine Nymphe. In der dritten Szene holt ein Fischer sein volles Netz ein, während ein anderer Fischer in seinem Boot die Hände aus Verwunderung oder Dankbarkeit hebt. An der östlichen Querwand ist nördlich vom Fenster die Opferung Isaaks abgebildet, auf der südlichen Seite, oberhalb der Kanzel, der Kirchenvater Augustinus von Hippo.[15]

Literatur

  • Albert Eskeröd: Gävlebornas strömmingsfiske. In: Ur Gävle stads historia. Hrsg. v. Philibert Humbla, Gävle 1946, S. 321–360.
  • Jan Moritz: Gävlefiskarna i Ångermanland. W-Sönst., Gävle 1992.
  • Kjell E. G. Söderberg: Ulvö gamla kapell. Kulturnämnden i Örnsköldsviks kommun, Örnsköldsvik 1972.
  • Kjell E. G. Söderberg: Ulvöhamn - två bilder ur ett fiskeläges historia. Göteborg 1995.

Weblinks

Commons: Ulvö gamla kapell – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. a b Kjell E. G. Söderberg: Ulvö gamla kapell. 1972, S. 6, 7.
  2. Ulvö gamla kapell: Fakta och skyddsföreskrifter. lansstyrelsen.se, abgerufen am 26. Oktober 2013 (schwedisch).
  3. Jan Moritz: Gävlefiskarna i Ångermanland. 1992, S. 4.
  4. a b Kjell E. G. Söderberg: Ulvö gamla kapell. 1972, S. 4.
  5. Kjell E. G. Söderberg: Ulvö gamla kapell. 1972, S. 13–16.
  6. Kjell E. G. Söderberg: Ulvöhamn - två bilder ur ett fiskeläges historia. 1995, S. 89.
  7. Albert Eskeröd: Gävlebornas strömmingsfiske. 1946, S. 20.
  8. Ulvö gamla kapell, S. 32. (PDF; 554 kB) murberget.se, abgerufen am 22. November 2013 (schwedisch).
  9. Kjell E. G. Söderberg: Ulvö gamla kapell. 1972, S. 17–18.
  10. Klart för bröllop på Murberget. svt.se, abgerufen am 26. Oktober 2013 (schwedisch).
  11. Kjell E. G. Söderberg: Ulvö gamla kapell. 1972, S. 6.
  12. Kjell E. G. Söderberg: Ulvö gamla kapell. 1972, S. 2, 12.
  13. Kjell E. G. Söderberg: Ulvö gamla kapell. 1972, S. 7-9.
  14. Original: „Om menskens åhldr från Ett och til Etthundrade åhldrz åhr.“
  15. Kjell E. G. Söderberg: Ulvö gamla kapell. 1972, S. 9–12.

Koordinaten: 63° 1′ 20,1″ N, 18° 38′ 57,2″ O

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