Skinwalker

Skinwalker (auch Skin-walker; deutsch etwa „Hautgänger“) ist der Name eines mythischen Wesens der Navajo-Kultur. Die Navajo nennen das Wesen Yeenaldlooshii (zu deutsch „Person, die auf allen Vieren geht“ oder „Person, die wie ein Tier dahintrottet“).[1] Der Überlieferung zufolge ist es eine kannibalistische Hexe oder ein böser Schamane, welche(r) die Kunst des Gestaltwandelns beherrschen soll.

Etymologie

Das indianische Wort Yeenaldlooshii liegt in abweichenden Lesungen und Schreibungen vor: Yee-Naaldlooshii, Yeenaaldlooshi und Naaldlooshii. Es ist ein Kofferwort, das auf die Wörter ye'eh (navajo für „abgezogene Haut“) oder ts'ee (navajo für: „Person, die etwas tut“ oder „es wird getan“) und naaldlooshii (navajo für: „das, was auf allen Vieren geht“; im Sinne von: „Tier“) zurückgeht.[2] Dabei bezeichnet naaldlooshii in erster Linie domestizierte Farm- und Haustiere. Das Wort kann aber auch „trotten“ oder „schreiten“ bedeuten.[1] Manche Indianerstämme bezeichnen Skinwalker auch als Ma'ii Tsoh, was eigentlich „Kojote“ oder „großer Wolf“, aber auch „Hexe“ bedeutet. Aus diesem Hauptwort entwickelte sich das indianische Naatl'eetsoh, was sich am besten mit „großer Trotter“ und „der Große, der dahintrottet“ übersetzen lässt.[3]

Beschreibung

Der Skinwalker wird meist als ältere Frau beschrieben, die sich als Hexe betätigt. Oft soll sie in den Diensten eines Schamanen stehen. Sie soll die Fähigkeit haben, von Tieren (aber auch von Menschen) Besitz zu ergreifen, um sie zu kontrollieren und für meist kriminelle Aufträge einzusetzen, oder um Menschen zu jagen und ihren kannibalistischen Gelüsten zu frönen. Um die Fähigkeit der Besitzergreifung zu erlangen, zieht sich die Hexe (oder der Schamane) in eine Höhle zurück, streift sich ein Tierfell oder Menschenhaut über und vollzieht ein bestimmtes Ritual. Dazu soll gehören, dass der Beschwörer vorher ein besonders abscheuliches Verbrechen begangen hat. Eine erfahrene Hexe kann aber angeblich auch andere Menschen zu Skinwalkern machen. Während des Tragens des Fells soll sich der so entstandene Skinwalker in das Tier verwandeln können, von dem das Fell oder die Haut stammt.[4] Meist sind Wölfe, Kojoten, Eulen, Krähen, Füchse und Grizzlybären beliebte Fetischtiere.

Am häufigsten aber soll der Skinwalker in Gestalt von Kojoten erscheinen. Nun sollen sein Aussehen und Verhalten große Ähnlichkeiten mit denen eines Werwolfs aufweisen: der Skinwalker kann auch in Tiergestalt aufrecht auf zwei Beinen gehen und laufen. Skinwalker sollen sich gerne nachts auf Friedhöfen herumtreiben und Gräber plündern, um entweder die Leichen zu fressen (Nekrophage), oder um sich sexuell an ihnen zu vergehen (Nekrophilie).[5] Andere Skinwalker sollen sich in Gestalt kürzlich verstorbener Familienmitglieder zeigen, um einzelne, gezielt ausgesuchte Opfer (meist Kinder) weglocken und attackieren zu können.[6]

Hintergründe

Die Navajo berichten, Hexen und Schamanen hätten ihren Ursprung in der Unterwelt. Der „erste Mann“ und die „erste Frau“ hätten schwarze Magie praktiziert und sie durch Inzest weitergereicht. Inzest, Mord und/oder ähnliche schändliche Vergehen würden Menschen böse genug machen, um ihnen mithilfe von Ritualen schwarzmagische Kräfte zu verleihen. Schamanismus und Hexerei sind im Volksglauben der Navajo (und vielen anderen Indianervölkern) tief verwurzelt. Skinwalker und Hexen werden dabei als „natürliches Gegenstück“ zu Heilern und Schamanen angesehen. Sie gelten aber auch als mythologische Repräsentation von Tabubruch, Chaos und Lüge.[3][1]

Kojoten (seltener Wölfe) sind als Fetischtiere deshalb so häufig, weil sie in den Traditionen vieler Indianervölker ohnehin als Trickster angesehen werden, die dem Menschen schaden wollen. Speziell die Navajo sehen in Kojoten „Boten des Unheils, deren Wort und Speichel alles vergiften, was sie anatmen“. Besessene Kojoten seien gar der menschlichen Sprache fähig.[7]

Sowohl menschliche, als auch übernatürliche Gestaltwandler sind in überraschend vielen Kulturen von Naturvölkern bekannt und gefürchtet. Im Falle des Skinwalkers sehen alle Volksgruppen das Wesen als das Ergebnis eines mächtigen Fluches an, der einer bestimmten Person auferlegt wurde, meist als Strafe für eine schwere Untat. Personen (besonders Stammesmitglieder), die Mord und/oder Inzest begehen, können der Hexerei bezichtigt und verfolgt werden.[8] Viele traditionelle Kindermärchen haben Skinwalker zum Thema. Sie sollen Kinder und Jugendliche dazu anhalten, sich niemals dem Bösen hinzugeben und sich auch nicht in schwarzer Magie zu versuchen.[1] Auch sollen die Kinder durch solche Gruselgeschichten davon abgehalten werden, nächtliche Alleingänge zu unternehmen.[6]

In modernen Legenden, besonders aus den USA, wird der Skinwalker häufig mit Werwölfen gleichgesetzt und entsprechend beschrieben. Diese Gleichsetzung wird durch die häufigste Beschreibung der Navajo eines „klassischen“ Skinwalkers als „Mischwesen aus Mensch und Kojote/Wolf“ erleichtert.[3] Die meisten vorgeblichen Augenzeugenberichte haben dabei Beinahe-Zusammenstöße von Autofahrern mit Skinwalkern auf verlassenen Landstraßen und Highways zum Inhalt.[9]

Literatur

  • Leon Wall, William Morgan: Navajo-English Dictionary. Hippocrene Books, New York City 1998, ISBN 0-7818-0247-4.
  • Steve Pavlik, William Tsosie: Navajo and the Animal People: Native American Traditional Ecological Knowledge and Ethnozoology. Fulcrum Publishing, Golden 2014, ISBN 1938486668.
  • Margaret K. Brady: “Some Kind of Power”: Navajo Children’s Skinwalker Narratives. University of Utah Press, Salt Lake City 1984, ISBN 0874802385.

Weblinks

Einzelnachweise

  1. a b c d Margaret K. Brady: “Some Kind of Power”. S. 27–29.
  2. Margaret K. Brady: “Some Kind of Power”. S. 67.
  3. a b c Steve Pavlik, William Tsosie: Navajo and the Animal People. S. 56–59 und 61–62.
  4. Margaret K. Brady: “Some Kind of Power”. S. 21–23.
  5. Margaret K. Brady: “Some Kind of Power”. S. 23 und 71.
  6. a b Keith Cunningham: American Indians' kitchen-table stories: contemporary conversations with Cherokee, Sioux, Hopi, Osage, Navajo, Zuni, and members of other nations. August House Publishers, Indiana 1992, ISBN 0874832039, S. 92 und 154.
  7. Margaret K. Brady: “Some Kind of Power”. S. 31–34.
  8. Margaret K. Brady: “Some Kind of Power”. S. 55.
  9. Wesley Treat, Mark Moran, Mark Sceurman: Weird Arizona: Your Travel Guide to Arizona's Local Legends and Best Kept Secrets (= Weird Series, 1. Band). Sterling, New York 2007, ISBN 1402739389, S. 87.