Magendrehung

Die Magendrehung (Torsio ventriculi) ist eine Krankheit, bei der sich der Magen um die eigene Längsachse dreht. Die Ursache der Erkrankung ist nicht bekannt. Eine Magendrehung tritt vor allem bei älteren Hunden großer Hunderassen auf, selten sind kleine Hunde, Katzen und Meerschweinchen betroffen. Die Magendrehung zeigt sich in Zunahme des Bauchumfangs, Unruhe und vergeblichen Versuchen zu erbrechen. Durch die Ausdehnung des verdrehten und aufgegasten Magens kommt es rasch zu einem Kreislaufzusammenbruch, der ohne Behandlung meist zum Tod des Tieres führt. Die Diagnose wird anhand einer Röntgenaufnahme gestellt. Eine Magendrehung muss chirurgisch versorgt werden. Dabei wird nach Entgasung und Kreislaufstabilisierung die Bauchhöhle eröffnet, der Magen zurückgedreht und zur Verhinderung einer erneuten Magendrehung an der Bauchwand festgenäht. Die mittlere Todesfallquote liegt etwa bei 20 %.

Entstehung und Vorkommen

Der Magen (Gaster oder Ventriculus) ist ein Hohlorgan zwischen Speiseröhre (Oesophagus) und Zwölffingerdarm (Duodenum). Anatomisch vereinfacht stellt er sich somit wie ein größerer Gegenstand dar, der auf eine Schnur aufgezogen ist und beweglich pendeln kann. Bei der Magendrehung, meist im Uhrzeigersinn um die Längsachse, kommt es zu einem Verschluss (Obstruktion) des Mageneingangs, so dass im Magen befindliche Luft nicht mehr durch „Aufstoßen“ entweichen kann. Die Luft im Magen wird bei hastigem Fressen und/oder bei der Drehung im Angstzustand abgeschluckt. Die Annahme es seien Gärungsgase ist mittlerweile widerlegt. Ob die Aufgasung des Magens für die Drehung verantwortlich oder seine Folge ist, ist bislang ungeklärt.[1]

Mit zunehmender Aufgasung komprimiert der Magen sowohl Blutgefäße (vor allem die Pfortader und die untere Hohlvene) als auch Nervenstränge und das Zwerchfell. Diese zunehmende Minderversorgung mit Blut führt zu einem raschen Sauerstoffmangel aller Organe und zu einer Übersäuerung des Blutes und mündet innerhalb von Stunden in einen, meist tödlichen Kreislaufschock. Nur in wenigen Fällen wurde eine spontane Rückdrehung des Magens beobachtet.[1]

Die eigentliche Ursache der Magendrehung ist nicht bekannt, nur eine Reihe von Risikofaktoren. Am häufigsten sind große Hunderassen mit tiefem Brustkorb betroffen. Unter ihnen haben einige Rassen ein besonders hohes Erkrankungsrisiko. So beträgt das Risiko eines Tieres, im Laufe des Lebens eine Magendrehung zu erleiden, bei Deutsche Doggen und Bloodhounds 30 %, bei großen Windhundrassen und Collies 20 % und beim Irischen Wolfshund 18 %. Mit zunehmendem Alter und gedehnten Magenbändern steigt das Risiko der Erkrankung ebenfalls. [1][2] Sehr selten tritt eine Magendrehung auch bei kleinen Hunden, Katzen[3] und Meerschweinchen[4] auf.

Alle übrigen mutmaßlichen Risikofaktoren lassen sich nicht eindeutig belegen. Eine einmalige Fütterung pro Tag soll das Erkrankungsrisiko erhöhen, die Verteilung der täglichen Futterration auf mehrere Portionen kann die Erkrankung aber nicht verhindern. Vermehrtes Luftschlucken durch hastige Futteraufnahme ist als Risikofaktor nicht sicher bestätigt. Im Gegensatz zu früheren Empfehlungen besagen neuere Studien, dass eine erhöhte Position der Futterschüssel zu einem gesteigerten Risiko führe.[5] [6]

Klinische Symptome

Typisches Hauptsymptom ist das etwa ein bis zwei Stunden nach der letzten Fütterung beginnende Aufblähen des Bauches. Die Tiere sind unruhig und sitzen viel. Teilweise versuchen sie zu erbrechen oder Kot abzusetzen. Fortschreitend kommt es sehr schnell zu einem immer größer werdenden, trommelartigen Bauchumfang. Relativ typisch ist die „Gebetsstellung“, bei der das Tier die vordere Körperhälfte tief hält.[7] Es setzt eine zunehmende Teilnahmslosigkeit ein, die in eine Schocksymptomatik übergeht.

Diagnostik

Röntgenaufnahme des gedrehten Magens bei einem Boxer, ca. 45 Minuten nach der letzten Futteraufnahme. Die durchgehende Linie markiert die Magenwand, die durch Pfeile markierte scheinbare Zweiteilung des Organs (Kompartmentbildung).

Eine zuverlässige Diagnose ist mit einer rechts anliegenden Röntgenaufnahme zu stellen. Dabei zeigt sich infolge der Aufgasung und Verlagerung der Erweiterung des Magenausgangs (Antrum pyloricum) – die in der überwiegenden Zahl der Fälle nach rechts, oben und vorn erfolgt – eine von vorn-unten nach hinten-oben verlaufende Falte. Dieses Phänomen bezeichnet man auch als „Kompartmentbildung“, sie verleiht dem Magen ein „zipfelmützenartiges“ Aussehen. Im englischen Sprachraum wird dies als „double bubble“ („Doppelblase“) bezeichnet. Beim Vorliegen einer Kompartmentbildung kann eine Magendrehung bereits sicher von einer einfachen Magenüberladung abgegrenzt werden. Bei der – allerdings sehr seltenen – Drehung gegen den Uhrzeigersinn ist sie jedoch nicht zu beobachten. Bei einer linksanliegenden Röntgenaufnahme ist die Kompartmentbildung generell nicht nachzuweisen. Bei rückenseitiger Lagerung stellt sich das – normalerweise rechts liegende – Antrum pyloricum links der Mittellinie dar. Weitere Kriterien sind eine Verlagerung des Darmes und der Milz nach hinten sowie die in manchen Fällen auftretende Verjüngung der hinteren Hohlvene (Vena cava caudalis) am Zwerchfelldurchtritt infolge eines Schocks. Bei schweren und länger bestehenden Magendrehungen, die bereits zu einem Absterben der Magenwand geführt haben, kann sich Gas in der Magenwand (Emphysem) darstellen, dann ist die Heilungsaussicht bereits schlecht.[8]

Behandlung

Die einzige Behandlungsmöglichkeit besteht in einer operativen Retorsion, das heißt eine Rückverlagerung des Magens in seine normale Lage. Zunächst muss der Kreislauf des Hundes soweit stabilisiert werden, um eine Narkose durchführen zu können.

Bei der Operation wird zunächst der Magen entgast, der Mageninhalt entfernt und dann die Verdrehung des Organs rückgängig gemacht. Abschließend wird der Magen im Bauchraum fixiert, um eine neuerliche Torsion zu verhindern. Für diese auch als Gastropexie bezeichnete Fixierung wird der Magen mit der Bauchwand im Bereich der Rippen, der seitlichen Bauchmuskulatur oder der Linea alba vernäht, kann jedoch auch am Dickdarm befestigt werden.

Häufige Komplikationen nach der Operation einer Magendrehung sind durch die vorherige Minderdurchblutung (Ischämie) der Magenwand bedingter Reperfusionsschaden, Blutdruckabfall, Blutgerinnsel in den Gefäßen (DIC), akutes Nierenversagen und Herzrhythmusstörungen.[9]

Prognose

Die Therapieergebnisse hängen stark vom Zeitpunkt des Behandlungsbeginnes ab. Bei Operationsbeginn bis sechs Stunden nach erfolgter Drehung bestehen günstige Aussichten in Bezug auf eine Heilung und das Überleben des Hundes. Danach sinkt die Überlebensquote deutlich.

Die Letalität bei Magendrehungen liegt bei 15 % bis 33 %.[10]

Magendrehung beim Meerschweinchen

Die Ursache einer Magendrehung beim Meerschweinchen ist nicht bekannt. Sie tritt häufig bei Zuchttieren auf, kann aber auch infolge von Umlagerungen in Narkose sowie der Verwendung von Xylazin vorkommen. Auch eine Erweiterung des Magens infolge eines Stehenbleibens des Darminhalts kann zu einer Magendrehung führen. Klinisch zeigt sich die Erkrankung in Abgeschlagenheit, Inappetenz, Untertemperatur und einem aufgetriebenen Bauch infolge des gasgefüllten Magens und Darms. Im Gegensatz zur Magentympanie kommt es häufig zur Verlagerung des Magens auf die rechte Seite, die sich am sichersten durch eine ventro-dorsale Röntgenaufnahme darstellen lässt. Die Therapie erfolgt chirurgisch wie beim Hund, die Behandlungsaussicht ist aber schlecht.[4]

Literatur

Einzelnachweise
  1. a b c {{Literatur | Autor=Daniel Koch | Titel=Magendrehung beim Hund – eine Übersicht| Sammelwerk=Kleintierpraxis | Band=60 | Nummer=12 | Jahr=2015 | Seiten= 652–664 | DOI=10.2377/0023-2076-60-652
  2. T. Lawrence et al.: Five-year prospective study of gastric dilatation-volvulus in 11 large and giant dog breeds: non-dietary risk factors, Purdue University, West Lafayette, 2000
  3. W. P. Bredal et al.: Acute gastric dilatation in cats: A case series. In: Acta Veterinaria Scandinavica. Band 37, 1996, S. 445–451.
  4. a b Judith Wabnitz und Nadja Schneyer: Magentympanie und Magendrehung beim Meerschweinchen (Cavia porcellus) - Fallbericht. In: Kleintiermedizin. Band 6, Nr. 13, 2013, S. 290–295.
  5. Petra Hellweg und Jürgen Zentek: Risikofaktoren im Zusammenhang mit der Magendrehung des Hundes. In: Kleintierpraxis. Band 50, Nr. 10, 2005, S. 611–620.
  6. Malathi Raghavan et al.: Diet-Related Risk Factors for Gastric Dilatation-Volvulus in Dogs of High-Risk Breeds. In: Journal of the American Animal Hospital Association. Band 40, 2004, S. 192–203.
  7. Daniel Koch: Magendrehung beim Hund - ein update. In: kleintier konkret 2010 (Volltext)
  8. Sandra Klein: Torsio ventriculi. In: kleintier konkret 10 (2007), Heft 2, S. 5–13.
  9. Y. Bruchim et al.: Evaluation of lidocaine treatment on frequency of cardia arrhythmias, acute kidney injury, and hospitalization time in dogs with gastric dilatation volvulus. In: J. Vet. Emerg. Crit. Care 22 (2012), S. 419–427.
  10. Daniel Koch: Magendrehung beim Hund (Memento vom 9. Januar 2013 im Internet Archive) (PDF; 699 kB)